"Versuche, dein Leben zu machen!"

Die Holocaust-Überlebende Margot Friedländer zu Gast in der Kirche Zum Guten Hirten in Berlin-Friedenau

 Foto © Jürgen-M. Edelmann
Foto © Jürgen-M. Edelmann

Es herrscht gebannte Stille unter den Zuhörern in den Bankreihen der Kirche Zum Guten Hirten als die 97-jährige Margot Friedländer damit beginnt, aus ihrem Buch „Versuche, dein Leben zu machen: als Jüdin versteckt in Berlin“ zu lesen. Der Titel des Buches ist zugleich ein Auftrag, der sie lebenslang begleiten wird. Die damals 21-jährige Margot Bendheim bekam diese Worte als Botschaft ihrer Mutter im Jahr 1943 auf einem Zettel übermittelt. Die Mutter, ihren Bruder Ralph und die Familie wird sie von da an nie wieder sehen. Margot wird als einzige dieser Familie den Holocaust überleben. Margot Friedländer kam am 10. Januar 2019 auf Einladung der Gemeinde zu einer Lesung in die Kirche am Berliner Friedrich-Wilhelm-Platz. Sie dort zu erleben, war für alle Anwesenden ein großes Geschenk. 

 

Mit klarer Stimme begrüßt die zierliche Frau die Gäste. Ihre Lesung beginnt mit einer detailgenauen Schilderung ihrer Situation vor dem Haus der Wohnung der Familie in der Skalitzer Straße in Berlin-Kreuzberg. Es ist der 20. Januar 1943. Der Tag, an dem ihre jüdische Familie von der Gestapo verhaftet und deportiert wird – und damit einer für den gleichen Tag geplanten Flucht zuvorkommt. Wie durch Vorsehung geleitet, kehrt die junge Frau an diesem Tag nicht in die Wohnung zurück. Teils aus Vorsicht, teils dem Verdacht gehorchend von einem Mann der Gestapo verfolgt worden zu sein. Für sie beginnen damit 15 Monate Leben im Untergrund. 

 

„Es ist gut, dass ich Schweigen darf“ bemerkt Margot Friedländer, als sie bei ihrer nichtjüdischen Nachbarin, ein Stockwerk über ihrer eigenlichen Wohnung, Zuflucht am Tag der Verhaftung ihrer Familie findet. So, als wolle sie sagen: Es gab auch Nichtjuden, die mir geholfen haben, meiner Verhaftung zu diesem Zeitpunkt zu entkommen. Dieses Motiv begegnet ihr noch einige Male, auch weil sie sonst ihre unmittelbare Umgebung durch Mitwisserschaft hätte belasten müssen. Es folgen eindringliche Beschreibungen des über einjährigen Lebens im Berliner Untergrund, die sie sofort nachdem sie den gelben Stern von ihrer Kleidung entfernt hat, erleben wird. Als Nachweis hält sie sogleich einen originalen Davidsstern aus Stoff in die Höhe, während sie aus ihrem Buch liest. Den Zuhörern vor Ort macht sie mit diesem Aufzeigen sofort klar: All das was Friedländer in dieser Zeit erleben musste, ist wirklich geschehen. 

 

Leben im Untergrund

 

Untergetaucht heißt für die junge Frau, dass sie dem zunehmenden Druck der Verfolgung nicht nachgeben darf. Sie lässt ihre Haare färben und bekommt neue Papiere. Doch die Zweifel, warum ausgerechnet sie von ihrer Mutter zurückgelassen wurde und als einzige aus der Familie davongekommen zu sein scheint, bedeutet für die 21-Jährige, sich unendlich schuldig zu fühlen. Dieses Schuldgefühl, der zunehmende Druck der Verfolgung und die Sehnsucht wieder mit ihrer Familie vereint zu sein, treiben sie nach einem Jahr und drei Monaten im Untergrund dazu, sich doch der Verhaftung durch die Gestapo zu stellen. Ausgelöst wurde dies durch eine Kontrolle auf dem Kurfürstendamm, nachdem sie den Luftschutzkeller nach einem der vielen Bombenangriffe auf Berlin mit einer Begleiterin verlassen hatte. Ab dem Moment der Verhaftung, fühlt sie sich wieder mit ihrer Familie und allen Menschen jüdischen Glaubens vereint, als sei sie doch wieder nachhause gekommen. Doch wird dies nur ein Gefühl bleiben.

 

Deportation und Vernichtung

 

Ihr Transport in das Lager Theresienstadt beginnt. Bereits auf dem Weg dorthin begegnen ihr unendliches Leid und grauenvolle Bilder. Immer wieder bewegt sie dabei eine Frage: „Wie viel kann der Mensch aushalten?“ Auch den zweiten Winter verbringt sie ohne ihre Eltern. Von 29.000 Einwohnern Theresienstadts sind noch 11.000 übrig. 18.000 sind von den Aufsehern des Lagers zu Tode geschunden worden. In einem von ihr vorgelesenen Auszug beschreibt sie das barbarische Handeln, dass viele von den Inhaftierten, durch schwere körperliche Arbeit so geschwächt waren, dass sie es nicht mehr bis zur Essensausgabe schafften. Auf dem Weg dorthin brachen sie zusammen und verhungerten.

 

Im Februar 1945 trafen Menschen, die nur noch Haut und Knochen waren, im Lager Theresienstadt ein. Die SS hatte sie am 27. Januar kurz vor der Befreiung des Lagers durch die russische Armee auf einen Todesmarsch getrieben. Sie kamen aus Auschwitz. Erst zu dieser Zeit begreift Margot Friedländer, dass sie ihre Mutter nicht mehr wiedersehen würde. Nach unendlichem Leid bleiben Margot Friedländer von ihrer Familie nur ein paar Fotos, eine Bernsteinkette und ein Adressbuch. Bernsteinkette und Adressbuch hat sie auch am Abend dieser Lesung bei sich und hält sie immer wieder hoch. Für alle als Zeichen.

 

Rückkehr nach Deutschland

 

„Sie fragen sich, warum ich nach 74 Jahren aus Amerika zurück nach Deutschland gekommen bin?“, so Friedländer. Die hochbetagte Frau hat eine Botschaft, mit der sie das Geschenk ihres langen Lebens und ihre Kraft begründet. Es ist ein Apell an die Menschlichkeit. „Der Mensch muss Mensch bleiben, denn schließlich haben alle das gleiche Blut in ihren Adern. Denn es gibt kein jüdisches, kein muslimisches oder christliches Blut“, so Friedländer. „So etwas darf nie wieder geschehen!“ und alle denen sie regelmäßig an Schulen und anderen Orten aus ihrer Geschichte vorliest, sollen dafür Sorge tragen, diese Botschaft weiterzugeben.

 

Nach Ende der Lesung umhüllt noch eine Weile ergriffenes Schweigen die Zuhörer im Kirchenraum. Doch dann setzt dankbarer Applaus ein. Es sind nicht nur die Bildhaftigkeit der Schilderungen und die räumliche Nähe des Erlebten – sozusagen direkt vor der Haustür – die die Zuhörer betroffen machen. Bei vielen Anwesenden ist es die Erkenntnis darüber, wie fragil eigentlich die Werte der Menschlichkeit in unserer Demokratie sind.

 

Nach einstündiger Lesung, steht Margot Friedländer noch für Nachfragen der Zuhörer zur Verfügung und berichtet von der Heirat mit ihrem Mann Adolph Friedländer kurz nach der Befreiung im Lager, über die Entstehung des Buches und ihren Umzug zurück nach Berlin. Auf die Frage einer jungen Zuhörerin: „Können Sie, nach all dem was sie erlebt haben, noch an Gott glauben?“ antwortet sie: „Oh, ja. Ich bin sehr gläubig.“ 

 

Jürgen-M. Edelmann